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BEI  DENKÖNIGINNEN  DER  STADT

Im Gespräch mit Paul

Ihr Zuhause ist Hamburg. Sie arbeiten rund um die Uhr, sind dabei bestens organisiert und haben ein Faible für hohe Qualität. Was nach anstrengendem Karriere-Hamsterrad klingt, ist gern geteilter Alltag. Zumindest für Bienen. MOKA-Kolumnist Paul Heilig zu Besuch bei einem ungewöhnlichen Großstadt-Genuss-Unternehmen.

Hinter der unscheinbaren dunklen Pforte eröffnet sich ein urbanes Paradies. Im Hinterhof überrascht eine weißgetünchte Schmiede aus dem 19. Jahrhundert, umgeben von bunten Sträuchern und feinen Farnen, im Gebäude ist zeitlos schöner Purismus zu Hause. Hier residieren die Golden Girls, das Unternehmen von Ann und Julia Bönig. Die Zahl der Mitarbeiter variiert zwischen 30.000 bis 150.000. Ganz genau kennt Julia die Belegschaftsgröße nicht. Die sei je nach Saison recht unterschiedlich, sagt sie: "Im Sommer können es bis zu 50.000 sein, im Winter unter 10.000. Pro Volk." Julia und Ann sind Imkerinnen im Nebenberuf. Eigentlich veredeln sie in der restaurierten Schmiede mit ihrer Firma Fotomaki Werbeaufnahmen oder Bilder für Magazine.

Doch vor einigen Jahren entdeckten Ann und Julia die Bienen für sich. Oder das, was Bienen für das Leben auf der Erde leisten. Nobelpreisträger Albert Einstein soll es gewesen sein, der auf die globale Schlüsselrolle dieser sammelnden Vielflieger hinwies: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.”

2013 ließen sich die beiden Agentur-Chefinnen zu Imkerinnen ausbilden, schufen auf dem Dach Platz für aktuell drei Bienenköniginnen und ihre Völker. Benannt nach Hamburger Stadtteilen oder Orten des Umlands: „Wir haben das Volk St. Pauli, das Volk Ottensen und das Volk Pinneberg. St. Pauli ist sehr entspannt, Pinneberg etwas zickig und Ottensen irgendwo dazwischen."

Noch ist die Volksstimmung bei Golden Girls Honey, so der offizielle Name der kleinen Honig-Manufaktur, eher ruhig. Doch zur Obstblüte ab dem Frühjahr und vor allem während der Schwarmzeit im Sommer werden Bildschirm und Schreibtisch regelmäßig gegen Bienenbesen und Schutzkleidung getauscht. Und das sehr gerne, sagt Julia: „In einem Job, wo man meist den ganzen Tag vor dem Rechner verbringt, ist es ein schöner Ausgleich.” Schwarmrhythmus gegen Alltagshektik. Kontinuität statt Trend. Inklusive wertvoller Einsichten.

Würden alle Arbeitsbienen in einen unbefristeten Streik treten – was ihnen völlig fremd ist – wären viele Ladenregale des modernen Alltagsmenschen bald leer. Ohne Bestäubung etwa keine Äpfel oder Tomaten, keine Avocados oder Maracujas, keine Vanille, kein Kaffee, kein Kakao und viele andere Lebens- und Genussmittel. Gleichzeitig sind Bienen fliegende Apotheken, mit Vitaminen oder heilenden Substanzen wie Propolis an Bord. Als hocheffektive Wirtschaftsmacht bescheren sie zudem durch ihre Bestäubungsleistung allein Deutschland einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund 2,7 Milliarden Euro. Jedes Jahr.

Denkbar ungünstig, wenn immer mehr dieser Multitalente verschwinden. Bienen existieren seit 40 Millionen Jahren, kamen mit ihrem bis heute unveränderten Staatensystem hervorragend durch die Zeit. Doch in einem Bruchteil Erdgeschichte hat sich das dramatisch verändert. Über die Hälfte aller europäischen Bienenvölker starben in den vergangenen Wintern. Durch Milben oder Viren. Und den Menschen, der ihnen mit Pestiziden, Raubbau und Industrie Lebensräume und Nahrungsmittel streitig macht. Da haben Bienen Glück, wenn sie bei Menschen wie Ann und Julia landen dürfen. Es ist nicht allein das Arbeiten mit und für die Insekten, was die beiden Hamburgerinnen schätzen. Sondern auch eine andere Betrachtung der Dinge: „Bienen waren schon immer für das Leben wichtig. Doch das Wissen darüber verbreitet sich zu wenig oder verschwindet. Manchmal kommt es sogar vor, dass wir gefragt werden, ob Honig tatsächlich von Bienen stammt."

Dagegen tun sie was. Nicht nur mit feiner Streichware oder wohldesignten Kerzen aus eigener Produktion. Backstage bei Bienens gibt es auch - Seminare für alle, die live hinter die Imkerkulisse schauen möchten. Dazu kulinarische Events oder Patenschaften inklusive Honig vom eigenen Volk. Und wer attraktive Lande-Locations schaffen möchte, findet bei den Golden Girls auch einen speziellen Saaten-Mix für Garten oder Balkon. Daraus wachsen Bienen-Favoriten und gleichzeitig Kräuter für die Küche. Julias Tipps für Schönheits- und Genussbewusste: „Eine Gesichtsmaske aus reinem Honig sorgt für weiche Haut. In den Kühlschrank gehört Honig eher nicht, er mag Zimmertemperatur. Und im Tee sorgt er zwar für guten Geschmack, bei über 35 Grad gehen jedoch wertvolle Inhaltsstoffe verloren. Purer Genuss ist besser."  

Zeit zum Lesen hat man bei den Golden Girls bei aller Arbeit auch. Gerade ist es die Biografie von Thomas McNamee über die Küchen-Revolutionärin Alice Waters und ihr 1971 im kalifornischen Berkley gegründetes legendäres Restaurant Chez Panisse. Waters kämpft für Slow Food, die Genussvielfalt natürlicher Ernährung und gegen die Auswüchse der Lebensmittelindustrie. „Im Oktober trafen wir sie in Mailand. Ihre Sichtweise war sehr inspirierend", sagt Julia. Dann geht es weiter. Zurück zu den digitalen Bilderwelten und später aufs Dach zu den Bienen. Danke für den Besuch. Lang leben die Königinnen der Stadt.